Der 1.Mai in Ulm
Es gibt Momente im Leben, da verändert sich eine Situation komplett, so dass das eigene Gehirn gar nicht reagieren kann. Augenblicke, in denen man nicht darüber nachdenkt, was zu tun ist, sondern es einfach weiß. Heute gab es so einen Moment. Ich bin gerade mit ein paar Freunden in den Reihen der Front Deutscher Äpfel gelaufen, während wir alle zusammen “Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft! Apfelsaft!” gebrüllt und die -- einige hundert Meter von uns entfernten -- Neonazis beobachtet haben. Die Nazis wurden bei ihrer Demonstration von der Polizei geschützt und vor der Polizei standen die Reihen der Linksextremen, die plötzlich anfingen, mit Steinen und Flaschen zu werfen.
Vielen Dank von meiner Seite, liebe Autonome, das habt ihr prima hingekriegt. Ich denke jedem ist klar, wie die Polizei reagiert hat und ich glaube nicht, dass ich hinzufügen muss, dass sie keinen Unterschied mehr zwischen Linksradikalen, Äpfeln und Schaulustigen gemacht hat. Was ich sagen kann ist, dass ich wohl einer der wenigen in den vorderen Reihen war, die nicht von Pfefferspray getroffen wurden -- Mensch, was sind wir gerannt.
Aber kommen wir erst einmal zum Anfang der Gegendemo, die ungefähr um halb elf begonnen hat. Nachdem ein schwarzer Block von der Polizei in einer Gasse eingesperrt wurde, weil die Autonomen die Polizisten sinnlos mit Steinen und Flaschen beworfen haben, ist die Demo sehr friedlich verlaufen -- die Menschen hatten Spaß und es war toll mit anzusehen, wie sich die Ulmer für ihre Stadt aufgerafft haben. Danach hat sich ein großer Teil der Demonstranten zum Bahnhof begeben, um die ungebetenen rechtsextremen Gäste in Empfang zu nehmen. Auch dabei ist alles friedlich zugegangen, wobei ich wieder einmal nicht eingesehen habe, wieso man die Polizei ausbuhen soll -- sie ist schließlich nur zum Schutz aller Beteiligten da und nicht, weil sie Bock hat jemandem in die Fresse zu hauen.
Als die Nazis mit ihrer Demonstration begonnen haben, haben wir uns in die Einkaufsstraße begeben, wo wir uns dann wie gesagt der FDÄ angeschlossen haben. Die Leute fand ich übrigens wirklich prima, sie haben sich friedlich verhalten, waren fröhlich und haben fleißig ihre Parolen herumposaunt. Nach besagter Szene aus dem ersten Absatz hat sich die FDÄ glaube ich noch einmal zusammengerauft, wir sind aber zurück auf den Münsterplatz gegangen und haben uns noch ein bisschen den Auftritt von Konstantin Wecker angehört, der mir echt gut gefallen hat. Auch dort war die Stimmung nebenbei gesagt bestens -- alles friedlich und keine Krawalle.
Neben den Neonazis gab es heute in meinen Augen noch zwei Gruppen, die sich falsch verhalten haben. Zuallererst natürlich die Autonomen, die durch ihre unsinnigen Auseinandersetzungen mit der Polizei genau das erreicht haben, was die Nazis sich von ihnen gewünscht hatten. Zudem hat sich die Polizei teilweise sehr unprofessionell verhalten, weil sie bei ihrer Gegenwehr keine Rücksicht auf friedliche Demonstranten genommen hat. Ein Mädchen ist von einem Polizeipferd über den Haufen gerannt worden, andere Demonstranten sind bei der Flucht gestürzt oder haben sich anderweitig verletzt. All diese Verletzungen hätte man verhindern können und ich denke es war ein ziemlich großes Glück, dass nichts schlimmeres passiert ist. Auch die Polizisten, die den schwarzen Block eingesperrt haben, kann ich nur kritisieren: Liebe Leute, wieso habt ihr denn die Menschenrechtler nicht durchgelassen, die den Autonomen nach stundenlangem Warten etwas zu essen bringen wollten? Dachtet ihr, dadurch würden sich die Demonstranten bessern?
Ihr seht, es gab heute auf jeder Seite einige Doofköpfe. Schade eigentlich, denn die meisten Bürgerinnen und Bürger waren richtig gut drauf und wollten nur eines: ihre Stadt frei halten von nationalsozialistischem Gedankengut.
via tomswochenschau
Fotos zu den Demonstrationen gibt es bei Flickr.
15 Kommentare
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Guter Bericht, danke! Ich wünschte die Presse würde das abdrucken anstatt dem Stuss den die dpa ihnen anscheinend füttert. Da klingt es ja so als wäre es der Weltuntergang gewesen.
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Danke für den Bericht. Ich bin ehrlich sehr beeindruckt von solch einem Durchhaltevermögen. Echt toll. Ich habe mich zwar schon lange aus der Szene verabschiedet, weil ich denke, dass ich meine Zeit im Leben nicht damit verbringen sollte, einen Kampf zu bestreiten, bei dem es sowieso keine Gewinner geben wird, aber ich finde es trotzdem toll, dass einige wenigstens noch versuchen für ihre Ideale einzustehen.
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Ich meine das Durchhaltevermögen, einen ganzen Tag für eine Demonstration zu opfern und sich zu positionieren. Mir wäre schon nach 30 Minuten langweilig.
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Wie so oft gibt die Presse immer nur die halbe Warheit wieder oder aber es kommt nur stuss raus…Meine Meinung.
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Nachdem ein schwarzer Block von der Polizei in einer Gasse eingesperrt wurde, weil die Autonomen die Polizisten sinnlos mit Steinen und Flaschen beworfen haben, ist die Demo sehr friedlich verlaufen
Ich war im Kessel und es wurden mMn von unserem Block erst Flaschen geworfen, als der Kessel bereits bestand. (Nur damit es nicht zu Missverständissen kommt, ich war einer jener, die dasTranspi hielten und nicht irgendwo, wo ich das Geschehen nicht hätte überblicken können)
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-42076.html#backToArticle=622365
Auf Bild 11 ist das Geschehen etwa 5 Minuten vor der Kesselung zu sehen, wenn zu dieser Zeit Gewalttaten von uns verübt worden wären, würden dort wohl mehr als diese paar Polizisten stehen (Und ja, Verstärkung konnte ohne Probleme dorthin gelangen, auch wenn auf der anderen Seite ebenfalls Demonstranten waren).
Der Angriff von Seiten der Polizei erfolge ohne Warnung oder Aufforderung sich zurückzuziehen.
MFG, Darky
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@Moritz:
Ich war auch in dem Kessel in der Sattlergasse. Wir waren vollkommen friedlich, es waren zu keinem Zeitpunkt Flaschen oder Steine geflogen.Die Polizei drängte ohne Vorwarnung etwa 300 Demonstranten aller(!) Couleur mit Pfefferspray, Stiefeltritten, Knüppel- und Faustschlägen in die Sattlergasse ab. Wir waren auch danach friedlich, man bedenke, dass wir an einer Sparkassenfiliale gewesen sind, wäre es tatsächlich so brutal-militant-linksextreme Krawallterroristen gewesen, wie überall verlautbart wurde, wäre die Bank sicher auseinandergenommen worden, aber es passierte gar nichts.
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Oh ja die bösen bösen Autonomen, das ist sowas von einseitig berichtet, fast so schlimm wie Bild.
Selbst die Autonomen waren ruhig. Ich habe einige getroffen, die in dem besagten Kessel waren. Jetzt sollte man sich die FRage stellen, was das für Leute waren und wohin die wollten?
Das waren zum Großteil bürgerliche Demonstranten, einige wenige Autonome, die im übrigen friedlich waren. Sie waren ca 500 – 700 m Luftlinie von den Neo-Nazis entfernt und Steine und Flaschen sind keine geflogen.
Insgesamt sieben Stunden wurden sie festgehalten, nach ca. drei Stunden durften sie dann pissen gehen wurden dann aber direkt in die JVA gebracht und dem Haftrichter vorgeführt.
Das USK und BFE aus München war von Anfang an aggressiv. Gewaltsam wurde der Bahnhof geräumt, ohne dass Flaschen geflogen sind. Kann man hier sehr deutlich sehen http://www.youtube.com/watch?v=jIjcn64RiTA
Ich selbst stand friedlich beim demonstrieren, als die Bullen bei der Ecke Keltergasse kreuz Wengengasse, als die USK’ler einen Ausfall machten. Ich stand ziemlich weit vorne und konnte nicht mehr zurück. Ich habe weder Flaschen noch Steine geworfen. Ich hab meine Hände nach oben gestreckt um zu signalisieren, dass ich nichts mache. Einer der Anstürmenden hat mich mit einem Ellenbogenschlag zu Boden befördert, der zweite USK’ler hat mir dann als ich auf dem Boden lag -die Hände immer noch von mir gestreckt – eine volle Ladung Pfefferspray ungeschützt ins Gesicht gesprüht. Ein weiterer schrie mich an ich soll mich verpissen sonst würde es was drauf geben. Als dann einer (nicht vom schwarzen Blog, sondern ein friedlicher Demonstrant!) von der Seite kam um mir zu helfen wurde er direkt von einem von den USK’lern umgekickt. Und die Leute dort waren zumeist bürgerliche Demonstranten! Sanis haben mir dann mit Maloxan die Augen ausgewaschen. Mein Gesicht war rot und brannte ziemlich, weil ich friedlich demonstrieren wollte. Die Anpöbelei von den Kampftruppen (die zum Beispiel bei Geiselnahmen eingesetzt werden) gingen dann am Bahnhof weiter, als sie ihn räumen wollten. Einen Grund gab es meiner Ansicht nach nicht um vom schwarzen Block oder von den randalierenden Autonomen habe ich am Bahnhof weit und breit nichts gesehen.
Als die Demonstration am Bahnhof mit Sprechchören die Nazis empfingen war alles ruhig, bis die Polizei immer wieder einzelne aggressiv “abgemahnt” hat. Selbst danach. Und dann frage ich dich, wenn ich auf eine Demonstration gehe und von meiner Meinungsfreiheit und von meinem Versammlungsrecht gebrauch mache, dann aber von gewaltbereiten Polizisten attackiert werde, warum dann die Demonstranten nicht anfangen dürfen sich zu wehren?
Aus Sicht der Medien wird immer alles polarisierend dargestellt, so wie du das machst. Die bösen bösen Linken wehren sich mit Flaschen und Steinen gegen aggressive Polizisten mit Kampfhunden, Schlagstöcken, Reizgasen, Pferden (die übrigens in einen bürgerlichen Zug getrieben wurden und zwei Frauen wurden überritten), Wasserwerfern, harten Stiefeln usw.
Prinzipiell habe ich etwas gegen Gewalt, aber nicht gegen Notwehr. Und das war es definitiv. -
Ich war an selbigem Tag mit der FDÄ in Ulm, als 2 Mitgliederinnen unserer Trupps unter die Hufe der Polizeipferde kamen.
Das war durchaus tragisch, aber polizeitechnisch gesehen, im Zusammenhang mit den Übergriffen, die augenscheinlich aus “unserem” Trupp, wirklich aber vom bösen schwarzen Block kamen, der uns kurz zuvor infiltriert hatte, wahrscheinlich notwendig um die Leute die Polizeipferde mit Fahnen pieksen wollen zu erwischen.
Die Taktik, sich einzelne Agressoren herauszugreifen und dabei lieber Opfer in den eigenen Reihen hinzunehmen wurde in Berlin getestet, nicht in Ulm.
Und dafür mussten an diesem ersten Mai einzelne FDÄler den Kopf hinhalten und das leider ausschließlich.
Danke für deinen Bericht. War der Beste den ich bis jetzt gelesen hab.
1. Hofschranze Blevis mbE




Sehr schöner interessanter Bericht. Das Verhalten der linken Autonomen kann ich nur verurteilen. Gewalt lehne ich ohnehin ab, zumal dann, wenn sie nur noch zum exzessiven Selbstzweck verkommt. So verspielt man sich jede Chance politisch ernstgenommen zu werden und macht es den Medien leicht, alle Linken in die Krawallecke zu schieben, was die sowieso gerne machen. Lieber sollte man zeigen, dass man mit dem rechtsextremen Pack nichts gemeinsam hat.
Schön, dass Du und viele andere vernünftige und friedfertige Gegendemonstranten dabei waren.
Mit Humor stellt man die komplett unlustigen Nazi-Hackfressen übrigens am Besten bloß.